Tilmann Haberer

Predigt über Gott 9.0

11. Juli 2012

Eins unserer hoch gesteckten Ziele ist es, dabei zu helfen, dass das „Förderband der Religionen“ (siehe Seite 285) anläuft. Das bedeutet, dass die institutionalisierten Religionen – sprich: in unseren Breiten die Kirchen – selbst die Entwicklung zu weiteren, komplexeren Gottesbildern vorantreiben. Denn sie sind es, die über die Deutungshoheit für die Mythen ihrer Tradition verfügen. Ganz konkret bedeutet das natürlich, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagog/inn/en, Pastoralrferent/inn/en als die bestallten Vertreter/innen der Kirchen ihre Gemeinde in moderne, postmoderne und integrale Versionen ihres Glaubens einführen.

In diesem Zusammenhang finde ich es sehr erfreulich, dass uns viele Zuschriften von Pfarrer/inne/n und anderen hauptamtlichen Mitarbeitenden in Kirchengemeinden erreichen, die Lesezeichen bestellen und uns nebenbei mitteilen, wie und wo sie für das Gedankengut werben, für das unser Buch steht. Auch werden wir immer wieder zu Pfarrkonventen oder Pastoralkollegs eingeladen und nehmen solche Einladungen gern an.

Ein gelungenes Beispiel, wie ein Gemeindepfarrer die Grundgedanken von Gott 9.0 in eine Predigt umgesetzt hat, finden Sie hier. Pfarrer Marvin Lange von der evangelischen Bonhoeffer-Kirchengemeinde in Fulda hat die Predigt am 8. Juli 2012 über den Aufbruch Abrahams aus seiner Heimat in ein unbekanntes Land gehalten. Vielen Dank!

 

Evolution der Gewaltbereitschaft

2. November 2011

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker beschreibt, wie die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins Gewalt und Krieg verringert. In seinem 1200-Seiten-Wälzer „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (S. Fischer, 2011, 26 Euro) stellt er die Behauptung auf, es gebe heute weltweit weniger Gewalt als in früheren Jahrhunderten. In einem lesenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 2. November 2011 (Wissen, S. 16) werden Pinkers Aussagen kritisch vorgestellt. Für „Gott 9.0“-Leser ist interessant, wie Pinker seine Thesen begründet: Neben fünf „inneren Dämonen“, die die Menschen zum Killer machen können ­– „Gewalt als Mittel zum Zweck; als Instrument der Dominanz und der Rache; zur Freude des Sadisten an den Schmerzen der anderen und jene Gewalt, die auf religiösen und politischen Ideologien beruhe“ – spricht er von fünf „besseren Engeln“, die in der Geschichte der Menschheit wirksam seien:

  • der Staat, der durch sein Gewaltmonopol die Gewaltrate der Gesellschaft signifikant absenkt (BLAU)
  • der freie Handel (ORANGE)
  • der zunehmende Einfluss der Frauen (GRÜN)
  • die wachsende Sympathie selbst mit entfernten Menschen (GRÜN)
  • Aufklärung und Vernunft auf der Grundlage von Alphabetisierung und Buchdruck (ORANGE)

Zwar verwendet Pinker das System Gott 9.0 bzw. Spiral Dynamics nicht, doch dem Kenner der Entwicklungsstufen springt es sofort ins Auge, dass er eben die Kräfte, die in den Stufen ORANGE (4.0) und GRÜN (5.0) wirksam werden, als Ursachen für die Abnahme der Gewalt benennt.

Auf derselben Seite der SZ findet sich ein Interview mit Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen und Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er legt den Finger darauf, dass ein durchschnittlicher wohlanständiger Bürger und Familienvater jederzeit zum Massenmörder werden kann, wenn es die Umstände nahelegen – Deutschland in der Nazi-Zeit ist dafür beredtestes Beispiel, aber auch der Balkankrieg oder der Bürgerkrieg in Ruanda zeigen, wie dünn oft die orange oder grüne „Schale“ über dem purpurnen/roten Kern ist. Wir tragen haben die früheren Stufen in uns und bei der entsprechenden Gelegenheit kann unser Schwerpunkt gewissermaßen in diese früheren Stufen zurückfallen.

 

 

 

Die Taufe durch die Stufen

Angeregte Diskussionen und spannende Beiträge finden sich auf unserer Facebook-Gruppe zu Gott 9.0. So hat Christiane Müller, Pfarrerin in Coburg, folgenden Text gepostet, in dem sie im Telegramm-Stil die Bedeutung der Taufe durch die verschiedenen Stufen reflektiert.

"Versuch, die Bedeutung von Taufe nach Gott 9.0 durchzudeklinieren - Erkenntnisse gewonnen aus viiiiiilen Taufgesprächen mit Eltern/ Müttern/ Vätern/ Kindern/ Jugendlichen unterschiedlichster Coleur:

  • Taufe Beige: Dankbarkeit, dass die Schwangerschaft gut gelaufen und das Kind gesund ist/ überlebt hat/ Komplikationen glimpflich verlaufen sind. Taufe = Feier des (Über)Lebens.
  • Taufe Purpur: Schutzritual. Beliebter Taufspruch: Psalm 91,11f. Und: Taufe = Feier im engsten Familienkreis/ Clan! Daher immer wieder die Probleme, die Leute zur Taufe im Gemeindegottesdienst zu bewegen.
  • Taufe Rot: Herrschaftswechsel. Ich breche aus Zwängen (Familie...) aus und unterstelle mich Gott. Gott als Befreier. Meistens Erwachsenen-/ Jugendlichentaufe.
  • Taufe Blau: Wir taufen auf Befehl Jesu hin. "Unser Herr Jesus Christus spricht..." (Mt 28). Tradition. Eingliederung in die Heilige Kirche.
  • Taufe Orange: Ich verstehe Taufe als rein symbolische Handlung. Eigentlich bewirkt sie nichts . Ich mache es für mein Kind, nicht unbedingt weil es mir etwas bedeutet. Aber dass mein Kind es später leichter hat...kann ja dann auch austreten.
  • Taufe Grün: Wir taufen unsere Kinder, weil es das Begrüßungsritual in unserer Religion ist, andere Religionen haben andere. Wir wollen, dass unser Kind von Anfang an Teil einer weltweiten Gemeinschaft wird. Aber wir verstehen die Taufe nicht exklusiv. Es ist ein schönes Ritual, aber wir würden auch die Segnung eines buddhistischen Mönches noch mitnehmen, wenn zufällig einer da wäre.
  • Taufe Gelb: Ich werde mir meiner persönlichen, individuellen Beziehung zum Tragenden Grund allen Lebens bewusst, mit dem ich ein einer mystischen Verbindung stehe - das sucht eine Ausdrucksform. (Erwachsenentaufe.)
  • Taufe Türkis: Ich werde mir meiner inneren Verbindung mit allen Menschen bewusst und auch der Tatsache, dass es der tragende Grund dieser Welt / Gott ist, der mich mit ihnen verbindet. Durch die Taufe suche ich Anschluss an dieses universale Miteinander. Ich bin mir dabei bewusst, dass es nur zufällig die Taufe ist - lebte ich in Indien, oder in Afrika, würde ich dafür vermutlich ein anderes Ritual wählen. (Erwachsenentaufe)."

Wollen Sie den Text kommentieren oder mit Christiane Müller diskutieren, oder haben Sie selbst einen interessanten Gedanken mitzuteilen, dann melden Sie sich einfach bei der Gruppe an. Hier kommen Sie hin.

 

 

Neu: Facebook-Gruppe "Gott 9.0"

6. Februar 2011

Sie wollen sich mit anderen Leserinnen und Lesern vernetzen? Auf Facebook gibt es jetzt die Gruppe "Gott 9.0". Sie ist gedacht als eine Plattform für Menschen, die sich für Gott 9.0 interessieren, die Gleichgesinnte suchen, vielleicht sogar in ihrer Gegend, oder die sich online austauschen wollen zu den verschiedenen Themen, die wir in unserem Buch ansprechen oder die durch das Buch angeregt werden. Sind Sie interessiert? Über diesen Link finden Sie die Gruppe:

http://www.facebook.com/home.php?sk=group_180176462019372

Noch ist die Mitgliederzahl überschauber, aber das kann sich schnell ändern. Die Seite beietet die Möglichkeit zum Austausch untereinander, Sie können Gleichgesinnte in ihrer Region suchen, Veranstaltungen anbieten oder suchen und vieles mehr. Alles hängt davon ab, wie stark sich unsere Leserinnen und Leser beteiligen. Wir sind sehr gespannt auf das, was sich mit der Gruppe ergeben wird!

 

Alle Quadranten auf allen Stufen

4. Januar 2011

„Das Konzept von Ich- und Wir-Stufen passt nicht zum integralen Denken“, schreiben uns manche Kritiker, „denn in jeder Stufe müssen alle vier Quadranten berücksichtigt werden – jedes Phänomen hat eine individuelle und eine kollektive Seite sowie eine Innen- und eine Außenperspektive.“ (Wer mehr über die Quadranten erfahren will: Im Buch auf den Seiten 208 bis 210 stellen wir diese bahnbrechende Theorie von Ken Wilber vor.)

Die Kritik läuft ins Leere. Natürlich kann und muss man sowohl bei den Ich- als auch bei den Wir-Stufen alle vier Quadranten anwenden. „Ich-Stufe“ heißt, kurz gesagt, dass der Einzelne sich mehr auf sich selbst hin orientiert, den Fokus auf sich selbst richtet, während das einzelne Individuum auf der Wir-Stufe sich mehr in Richtung Gemeinschaft orientiert.

Natürlich gibt es auch auf den Wir-Stufen, also bei der Ausrichtung auf die Gemeinschaft, die individuelle Perspektive (die beiden oberen Quadranten). Der Mensch erlebt sich in seiner Innenwelt (oben links) als Teil der Gemeinschaft, hat eine bestimmte Wahrnehmung der anderen, erlebt Gefühle und fällt Urteile – all die subjektiven Phänomene, die der obere linke Quadrant beschreibt. Ebenso kann die Person von außen (oben rechts) als ein Element einer Gruppe identifiziert werden mit all ihren individuellen Eigenschaften oder Verhaltensweisen.

Umgekehrt hat ein Mensch auf einer Ich-Stufe natürlich ebenso Beziehungen zu anderen, auch wenn diese schwerpunktmäßig nicht so wichtig für ihn sind und er die Gemeinschaft nicht so sehr braucht und sucht wie auf den Wir-Stufen. Er hat Anteil an kulturellen Überzeugungen und Werten, an Familientraditionen, erfährt sich als Partnerin oder Partner, Sohn, Tochter, Vater, Mutter, Bürgerin oder Bürger eines Gemeinwesens (unten links). Und kann mit den Mitteln der Soziologie oder Volkswirtschaft beschrieben werden als Element einer Gemeinschaft (unten rechts).

Die Unterscheidung zwischen Ich- und Wir-Stufen widerspricht also keineswegs dem Quadrantenmodell. Die Theorie von Spiral Dynamics hat ihren festen Platz im Denken Ken Wilbers (der beispielsweise in seinem Roman „Boomeritis“ eine sehr ausführliche Darstellung von Spiral Dynamics liefert) und fügt sich nahtlos ins integrale AQAL-Koordinatensystem (AQAL steht als Abkürzung für „Alle Quadranten, alle Levels (Stufen)“, meint aber das komplette integrale System, das neben Quadranten und Stufen auch Linien, Zustände und Typen einbezieht).

 

Zellen und Zirkel

12. 12. 2010

Immer wieder hören wir die Frage: Wo gibt es Gemeinden, in denen orange, grüne, gelbe Gottesbilder leben? Wo können Menschen eine geistliche Heimat finden, deren spirituelle Linie sich über Blau hinaus entwickelt? Da zeigt sich ein Dilemma der Ich-Stufen: Orange und Gelb haben wenig eigene Entwürfe für gemeinschaftliches Leben zu bieten. Das war auch das Problem der Reformatoren: Martin Luther hatte einen theologischen Entwurf vorgelegt, in dem sich viel Orange findet – die Betonung des Ich, der Vernunft, des Gewissens. Doch in welcher Form sollte dieser Impuls tatsächlich Gestalt finden? Orange muss, um eine Gemeinschaft zu leben, nach Blau oder Grün ausweichen, die beiden benachbarten Wir-Stufen. Grün war jedoch noch nicht entwickelt, so blieb dem Reformator nichts anderes übrig, als sich wieder in blaue Strukturen zu begeben, sprich: eine Kirche aufzubauen, die mit dem „Landesherrlichen Kirchenregiment“ eine streng blaue Hierarchie bildete. Sein Impuls des „allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“ blieb im Ansatz stecken.

Moderne orange Geister tun sich da leichter. Sie können nach „vorn“ ausweichen und ihre orangen spirituellen Impulse in grünen Formen leben, wie man es beispielsweise bei vielen modernen evangelikalen oder charismatischen Gruppierungen beobachten kann.

Menschen dagegen, deren spirituelle Linie bis Gelb gewachsen ist, stehen wieder vor dem Problem: Grüne Strukturen passen nicht mehr, Gelb als Ich-Stufe tut sich schwer, eigene Gemeinschaftsformen zu entwickeln, und von Türkis ist noch sehr wenig präsent. Momentan scheint mir eigentlich nur ein Weg gangbar zu sein: kleine Zellen von Leuten, die gelbe, integrale Spiritualität leben wollen, die sich als Lesezirkel, als Meditationsgruppen, als Schweige- oder Gesprächskreise organisieren. Sie veranstalten neben regelmäßigen Treffen auch Seminare, Workshops, Schweigewochenenden oder Oasentage und ermöglichen so die punktuelle Teilhabe, die den Ich-Stufen entspricht. Sie können Impulse in die grünen Gemeinschaften hineintragen, aus denen sie oft stammen und in denen sie ihre Wurzeln haben. Sie können mit Online-Aktionen, Vorträgen, gelegentlichen Gottesdiensten ihre gelben Ideen aufblitzen lassen und so anderen, die nur darauf warten, ihre spirituelle Linie weiterzuentwickeln, auf die Sprünge helfen. Wenn diese Zirkel und Zellen sich vernetzen, kann allmählich ein gelbes „neuronales“ Netzwerk entstehen, in dem sich gelb orientierte Menschen austauschen und einander auf dem noch kaum gebahnten Weg ins Neuland unterstützen können.

 

Wohin in GELB?

15.11.2010

In die Münchner Insel kommen manchmal Menschen, die auf der Suche sind nach einer geistlichen Heimat. Sie haben BLAU schon lange hinter sich, haben in ihrem Alltagsleben  ORANGE bestens integriert, konnten anschließend ihre GRÜNE Identität in der BLAU strukturierten Gemeinde noch durchtragen (das tun ja viele), aber nun? Nun kommen Zweifel. Nun verlangt ORANGE auch auf spirituellem Gebiet sein Recht. Aber wo sind sie mit ihren Fragen aufgehoben? Wo gibt es Gemeinden oder Gemeindegruppen, in denen nicht nur ORANGE Fragen gestellt und diskutiert werden dürfen, sondern die – auf dem Weg nach GELB – ein positives postmodernes Christentum zu leben versuchen? Die mit der Dominanz von BLAU in Glaubensfragen wirklich aufräumen? Die allen Stufen ihr jeweiliges Recht zugestehen – auch den kritischen?

Immerhin kann ich diesen Menschen helfen, ihren Weg zu verstehen. Wenn ich ihnen von den Stufen erzähle, haben sie ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Das ist schon sehr viel wert. Aber dann? Wir brauchen Gemeinden, in denen es möglich ist, die ORANGEN Fragen gründlich auszudiskutieren, die einen toleranten GRÜNEN Zusammenhalt bieten und die offen sind für das Abenteuer GELB. Wer solche Gemeinden kennt – bitte melden!