Tilmann Haberer

In meinen Predigten versuche ich immer wieder, die Idee von Gott 9.0 anzuwenden. In der Bibel selbst finden sich ja schon die verschiedenen Bewusstseinsräume, von der Auslegungsgeschichte gar nicht zu reden. Hier also eine Predigt, die ich im August 2017 in St. Markus in München/Maxvorstadt gehalten habe. Sie findet sich auch auf meinem Blog Großstadtpredigten - schauen Sie gerne mal rein!

 

Predigt über 2. Mose 19, 1–6

 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Liebe Gemeinde,

Gott bleibt sich immer gleich, vermutlich. Aber wie wir Menschen von Gott reden, wie wir ihn uns vorstellen, was für Bilder wir von Gott haben, das ändert sich. Es ändert sich im Lauf eines Lebens und es ändert sich im Lauf der Geschichte der Menschen. Und in der Bibel können wir diese Veränderungen gut studieren.

Da ist am Anfang ein Mann, Abraham, der hatte etwas, was wir heute eine Gotteserfahrung nennen würden. Gott begegnet ihm, im Traum oder wie auch immer, das wissen wir nicht so genau. Jedenfalls berichtet Abraham, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihm viele Nachkommen und ein gutes Leben auf der Erde verspricht. An diesen Gott hält sich Abraham natürlich, und so gibt es also einen Gott Abrahams. Dieser Gott ist ganz auf den einen Mann bezogen, und wohl auch noch auf seine Familie. Es ist ein sehr persönliches und etwas enges Gottesbild. Die Nachbarn haben andere Götter, Abraham hat seinen eigenen. Die Menschen in den Städten beten viele Götter an, Abraham hat diesen einen. Den Gott Abrahams.

Aber dabei bleibt es nicht. Der Predigttext, den ich vorgelesen habe aus dem 2. Buch Mose, der zeigt den Beginn eines neuen Stadiums. Gott ist jetzt nicht mehr nur der Gott eines Einzelnen oder einer Sippe. Gott hat sich nun ein ganzes großes Volk erwählt. Er hat sie aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten befreit und versprochen, sie in ein eigenes, wunderbares Land zu führen.

Mit dieser Geschichte werden wir Zeugen, wie Gott einen Bund schließt, wie es in der Bibel heißt. Gott erwählt sich das Volk, es ist sein Eigentum, das er beschützt, und im Gegenzug verpflichten sich die Menschen, bestimmte religiöse und ethische Regeln einzuhalten. Unmittelbar nach dem Kapitel, aus dem unsere heutige Geschichte stammt, wird erzählt, wie Mose die Zehn Gebote erhält, sozusagen das Grundgesetz des Volkes Israel.

Gott ist nun nicht mehr nur der Gott Abrahams, des Stammvaters. Gott ist der Gott Israels, eines großen Volkes, das aus zwölf Stämmen besteht. Andere Völker haben andere Götter. Die Bibel bestreitet in diesem Stadium überhaupt nicht, dass es diese anderen Götter wirklich gibt. Baal und Ischtar und Marduk, Isis und Osiris, die gibt es wirklich. Nur: Anbeten dürfen die Israeliten sie nicht. Anbeten dürfen sie nur ihren eigenen Gott, nur ihm dürfen sie dienen, nur ihm dürfen sie opfern, nur zu ihm dürfen sie beten und nur ihn dürfen sie um Hilfe bitten. Da ist er eigen. Umgekehrt hat niemand anders das Recht, sich an diesen Gott zu wenden. Er ist allein und ausschließlich Israels Gott. Man kann sagen, die Vorstellung von Gott ist nicht mehr egozentrisch, also auf das einzelne Individuum bezogen, sondern ethnozentrisch, also auf eine bestimmte Gruppe bezogen, auf ein Volk.

Allerdings ist es auch dabei nicht geblieben. Wenn das heute noch so wäre, dann würden wir hier in Deutschland immer noch Thor und Odin anbeten, oder vielleicht Jupiter und Mars, Venus und Diana, die Götter der Römer, die weiland dieses Land erobert haben.

Aber es kam anders. Schon im Alten Testament gibt es Geschichten, die darauf abzielen, dass Gott nicht nur der Gott dieses einen Volkes ist, sondern dass er auch die anderen Menschen meint und sich auch den anderen Menschen zuwendet.

Und dann, im sogenannten Babylonischen Exil, tritt ein Theologe auf, der einen ganz neuen Gedanken hat. Er sagt: Es gibt überhaupt nur einen Gott. Der Gott, den Israel anbetet und der sich Israel erwählt hat, ist der einzige, wahre Gott. Es gibt nur einen. Die anderen sind nichts als Stein und Metall und Holz, von Bildhauern gemacht. Unser Gott, den man nicht sehen kann, der im höchsten Himmel wohnt, der ist der einzige Gott. Dieser Theologe hat so eine neue, bahnbrechende Idee entwickelt: den Monotheismus, das heißt die Lehre, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt.

Dieser Gott ist der Gott, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. Sein Tempel ist in Jerusalem auf dem Berg Zion, und am Ende der Zeiten werden die Menschen aus aller Herren Länder in einer großen Wallfahrt zum Zion kommen und diesen einen Gott in seinem Tempel anbeten. Gott wird also schon sehr umfassend gedacht, trotzdem ist das Gottesbild noch sehr ethnozentrisch – auf das Volk Israel bezogen. Israel und vor allem Jerusalem, der Zion, das ist der Mittelpunkt.

In diesem Volk wird fünfhundert Jahr später Jesus geboren, und er wächst heran und lernt neben seinem Handwerk auch die Bibel zu lesen. Er ist ein Schriftgelehrter und wahrscheinlich gehört er auch der Schule der Pharisäer an.

Jesus hat ein ganz neues, ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ja, Gott ist der himmlische König, aber gleichzeitig ist er ganz nah und liebevoll. Abba, sagt Jesus zu ihm, Papi. Und die Liebe dieses Vaters ist nicht auf die Guten beschränkt und nicht auf ein bestimmtes Volk. Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, ohne Ansehen der Person, der Nation und der Religion. Jesus stellt den Samaritaner als Vorbild hin, den die frommen Juden als Ketzer und Ungläubigen bezeichnen, und er sagt von einem römischen Zenturio: „Einen so großen Glauben wie bei diesem Mann habe ich in ganz Israel nicht gesehen.“ Und er betont, dass bei Gott nicht die richtige Konfession und die richtige Liturgie zählt, sondern es zählt, ob ein Mensch etwas von der Liebe begriffen hat und sie umsetzt. Ganz so, wie wir es im Evangelium gehört haben: Das höchste Gebot, das besser ist als alle Opfer, das ist die Liebe: die Liebe zu Gott, dem Großen Ganzen, und die Liebe zu den Mitmenschen, und der liebevolle Umgang mit sich selbst.

Jesus bringt das weltzentrische Verständnis von Gott, und ein paar Jahre später reißt Paulus die Grenzen zwischen dem Volk Israel und dem Rest der Welt noch weiter ein, er bringt den Glauben an diesen Einen Gott aus dem Nahen Osten nach Europa.

Und heute verstehen viele, dass das Verständnis von Gott sich noch einmal erweitern muss. Wir sind heute so intensiv mit Menschen aus aller Herren Länder vernetzt, wir kennen andere Religionen nicht nur vom Hörensagen, sondern können ihnen jederzeit in unserem Alltag begegnen. Viele stellen fest, dass Menschen, die einer anderen Religion angehören, genauso ernsthaft nach Gott fragen, ihren Mitmenschen genauso mit Liebe und Respekt begegnen, manche vielleicht sogar mit mehr Liebe und Respekt als viele von uns Christen. Mögen sie andere Namen für Gott haben, entscheidend ist doch, dass sie die Liebe leben. Wenn ich Jesus beim Wort nehme, dann muss ich sagen: Ein Hindu oder Muslim oder Atheist, der seinen Mitmenschen in Liebe und Respekt begegnet, ist Gott näher als ein Christ, der andauernd den Namen Gottes im Mund führt, sich im Alltag aber rücksichtslos und lieblos verhält.

Und was ist nun mit der Erwählung? Ist Israel nicht mehr Gottes erwähltes Volk? Ich denke, wir Christen tun gut daran, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern hohe Achtung und tiefe Liebe entgegenzubringen. Sie sind unsere älteren Geschwister, in diesem Volk sind zum ersten Mal in der Geschichte unserer Welthalbkugel die Gedanken aufgekommen, dass es nur diesen einen Gott gibt und dass man den Willen dieses Gottes mit einem Wort zusammenfassen kann: Liebe. Das ist die besondere Bedeutung des Volkes Israel und der Menschen jüdischen Glaubens. Aber Gottes Liebe geht viel weiter. Seine Erwählung funktioniert nicht so, dass er einige auswählt und die anderen hinten runterfallen lässt. Nein, Gott hat uns alle erwählt, allen Menschen dieser Welt gilt seine Liebe – wie könnte es auch anders sein! Alle Menschen dieser Welt sind noch lange nicht genug, um Gottes Liebe aufzusaugen, sie ist immer noch weiter und größer und will sich immer noch weiter verströmen, in alle Ecken der Erde, zu allen Menschen.

Damit, zugegeben, bürste ich große Teile der Bibel gegen den Strich. Gerade in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament, wird sehr klar die Überzeugung ausgedrückt, dass Gott eben dieses Volk erwählt hat und die anderen nicht. Dass Gott dieses Volk – aus welchen Gründen auch immer – allen anderen Völkern und allen anderen Menschen vorzieht.

Und ich denke, die Bibel gegen den Strich bürsten, das muss ich auch tun. Ich folge damit Jesus, zum Beispiel in der Bergpredigt. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten Lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“

Damit bürstet Jesus selbst schon die Hebräische Bibel gegen den Strich. Liebt eure Feinde. Damals, zur Zeit des Mose, waren Feinde eigentlich keine richtigen Menschen. Man konnte sie aus tiefstem Herzen hassen und sich freuen, wenn sie ins Verderben stürzten. „Singt dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Ross und Reiter warf er ins Meer“, singt Deborah, die Schwester des Mose, nach der Rettung am Schilfmeer, nach dem Auszug aus der Knechtschaft.

Bei aller Mitfreude darüber, dass das Volk aus der Sklaverei befreit wurde, fragen wir uns heute doch auch: Diese Tausende ägyptischen Krieger, die da jämmerlich ersoffen sind – waren das keine Menschen? Hatten sie nicht Frauen und Kinder, Eltern und Freunde? Können wir wirklich über einen Sieg in irgendeinem Krieg jubeln?

Der Gott des Alten Testaments ist über weite Strecken ein Kriegsgott. Er führt die Kinder Israel, sein erwähltes Volk, nicht nur aus der Sklaverei, er führt sie auch in ein neues Land, das er ihnen schenkt. Das Problem aus heutiger Sicht: In diesem Land lebten schon Menschen, die nicht begeistert waren, als da Fremde ankamen und ihnen ihre Äcker und Felder, ihre Städte und Dörfer wegnehmen wollten, um sie selbst zu bebauen und zu bewohnen. Doch der Gott des Alten Testaments fackelt nicht lang: Die Bewohner der Landes werden ausgerottet, entweder unterstützt Gott die israelischen Invasoren oder Gott erledigt das gleich selbst. Diese Kriegsgeschichten, diesen Gott, der befiehlt, die Gegner komplett auszurotten, niemand am Leben zu lassen – an den kann und will ich heute nicht mehr glauben.

Durch Jesus haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, den eigenen Vorteil zu suchen, sondern Versöhnung und Ausgleich. Wenn Erwählung heißt: Gott liebt die einen und die anderen sind ihm bestenfalls egal, dann passt das nicht zu dem liebenden Gott, zu dem Papi, von dem Jesus gesprochen hat.

Wir jemand der Überzeugung ist: Ich bin erwählt und die anderen sind egal, das hat fatale Folgen, egal welcher Religion die betreffenden angehören. Die Kämpfer des IS fühlen sich im Recht, wenn sie angeblich Ungläubige, die Gott angeblich verworfen hat, abschlachten. Weil Gott es ihrer Meinung nach so will.

Und ich weiß, es ist ein heikles Thema. Aber wenn sich ein moderner Staat Israel heute noch darauf beruft, dass Gott dem Volk Israel das Land geschenkt hat, wenn er daraus das Recht ableitet, andere Menschen zu unterdrücken und zu benachteiligen, dann führt das nicht zum friedlichen Zusammenleben der Menschen im Nahen Osten. Das hat damals schon nicht funktioniert. Wie soll es heute funktionieren, in einer hochkomplexen Welt mit Waffen, gegen die die damaligen Schwerter und Streitwagen sich ausnehmen wie Kinderspielzeug.

Ich glaube, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Bibel nicht einfach wörtlich zu nehmen. Es geht darum, die Entwicklungslinien, die sich in der Bibel selbst abzeichnen, aufzugreifen und weiterzuführen: Von der Exklusivität einer Erwählung, die sagt: Wir sind erwählt, wir sind Gottes Kinder, und ihr nicht, ihr seid verworfen und verloren – von dieser Exklusivität müssen wir zu einer Inklusivität kommen. Zu der Überzeugung, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und annimmt und das Beste für sie will. Da ist kein Platz mehr für eine Haltung, die andere ausschließt, auch wenn die Bibel in weiten Teilen von einer solchen Ausschließlichkeit geprägt ist.

So verstehe ich Jesus, so verstehe ich den Auftrag der Kirchen in der Welt: Einzutreten für Versöhnung und Ausgleich, weil Gott uns berufen hat zur Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Mensch gewordenen Liebe Gottes.

 

Predigt über Gott 9.0

11. Juli 2012

Eins unserer hoch gesteckten Ziele ist es, dabei zu helfen, dass das „Förderband der Religionen“ (siehe Seite 285) anläuft. Das bedeutet, dass die institutionalisierten Religionen – sprich: in unseren Breiten die Kirchen – selbst die Entwicklung zu weiteren, komplexeren Gottesbildern vorantreiben. Denn sie sind es, die über die Deutungshoheit für die Mythen ihrer Tradition verfügen. Ganz konkret bedeutet das natürlich, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagog/inn/en, Pastoralrferent/inn/en als die bestallten Vertreter/innen der Kirchen ihre Gemeinde in moderne, postmoderne und integrale Versionen ihres Glaubens einführen.

In diesem Zusammenhang finde ich es sehr erfreulich, dass uns viele Zuschriften von Pfarrer/inne/n und anderen hauptamtlichen Mitarbeitenden in Kirchengemeinden erreichen, die Lesezeichen bestellen und uns nebenbei mitteilen, wie und wo sie für das Gedankengut werben, für das unser Buch steht. Auch werden wir immer wieder zu Pfarrkonventen oder Pastoralkollegs eingeladen und nehmen solche Einladungen gern an.

Ein gelungenes Beispiel, wie ein Gemeindepfarrer die Grundgedanken von Gott 9.0 in eine Predigt umgesetzt hat, finden Sie hier. Pfarrer Marvin Lange von der evangelischen Bonhoeffer-Kirchengemeinde in Fulda hat die Predigt am 8. Juli 2012 über den Aufbruch Abrahams aus seiner Heimat in ein unbekanntes Land gehalten. Vielen Dank!

 

Evolution der Gewaltbereitschaft

2. November 2011

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker beschreibt, wie die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins Gewalt und Krieg verringert. In seinem 1200-Seiten-Wälzer „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (S. Fischer, 2011, 26 Euro) stellt er die Behauptung auf, es gebe heute weltweit weniger Gewalt als in früheren Jahrhunderten. In einem lesenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 2. November 2011 (Wissen, S. 16) werden Pinkers Aussagen kritisch vorgestellt. Für „Gott 9.0“-Leser ist interessant, wie Pinker seine Thesen begründet: Neben fünf „inneren Dämonen“, die die Menschen zum Killer machen können ­– „Gewalt als Mittel zum Zweck; als Instrument der Dominanz und der Rache; zur Freude des Sadisten an den Schmerzen der anderen und jene Gewalt, die auf religiösen und politischen Ideologien beruhe“ – spricht er von fünf „besseren Engeln“, die in der Geschichte der Menschheit wirksam seien:

  • der Staat, der durch sein Gewaltmonopol die Gewaltrate der Gesellschaft signifikant absenkt (BLAU)
  • der freie Handel (ORANGE)
  • der zunehmende Einfluss der Frauen (GRÜN)
  • die wachsende Sympathie selbst mit entfernten Menschen (GRÜN)
  • Aufklärung und Vernunft auf der Grundlage von Alphabetisierung und Buchdruck (ORANGE)

Zwar verwendet Pinker das System Gott 9.0 bzw. Spiral Dynamics nicht, doch dem Kenner der Entwicklungsstufen springt es sofort ins Auge, dass er eben die Kräfte, die in den Stufen ORANGE (4.0) und GRÜN (5.0) wirksam werden, als Ursachen für die Abnahme der Gewalt benennt.

Auf derselben Seite der SZ findet sich ein Interview mit Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen und Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er legt den Finger darauf, dass ein durchschnittlicher wohlanständiger Bürger und Familienvater jederzeit zum Massenmörder werden kann, wenn es die Umstände nahelegen – Deutschland in der Nazi-Zeit ist dafür beredtestes Beispiel, aber auch der Balkankrieg oder der Bürgerkrieg in Ruanda zeigen, wie dünn oft die orange oder grüne „Schale“ über dem purpurnen/roten Kern ist. Wir tragen haben die früheren Stufen in uns und bei der entsprechenden Gelegenheit kann unser Schwerpunkt gewissermaßen in diese früheren Stufen zurückfallen.

 

 

 

Die Taufe durch die Stufen

Angeregte Diskussionen und spannende Beiträge finden sich auf unserer Facebook-Gruppe zu Gott 9.0. So hat Christiane Müller, Pfarrerin in Coburg, folgenden Text gepostet, in dem sie im Telegramm-Stil die Bedeutung der Taufe durch die verschiedenen Stufen reflektiert.

"Versuch, die Bedeutung von Taufe nach Gott 9.0 durchzudeklinieren - Erkenntnisse gewonnen aus viiiiiilen Taufgesprächen mit Eltern/ Müttern/ Vätern/ Kindern/ Jugendlichen unterschiedlichster Coleur:

  • Taufe Beige: Dankbarkeit, dass die Schwangerschaft gut gelaufen und das Kind gesund ist/ überlebt hat/ Komplikationen glimpflich verlaufen sind. Taufe = Feier des (Über)Lebens.
  • Taufe Purpur: Schutzritual. Beliebter Taufspruch: Psalm 91,11f. Und: Taufe = Feier im engsten Familienkreis/ Clan! Daher immer wieder die Probleme, die Leute zur Taufe im Gemeindegottesdienst zu bewegen.
  • Taufe Rot: Herrschaftswechsel. Ich breche aus Zwängen (Familie...) aus und unterstelle mich Gott. Gott als Befreier. Meistens Erwachsenen-/ Jugendlichentaufe.
  • Taufe Blau: Wir taufen auf Befehl Jesu hin. "Unser Herr Jesus Christus spricht..." (Mt 28). Tradition. Eingliederung in die Heilige Kirche.
  • Taufe Orange: Ich verstehe Taufe als rein symbolische Handlung. Eigentlich bewirkt sie nichts . Ich mache es für mein Kind, nicht unbedingt weil es mir etwas bedeutet. Aber dass mein Kind es später leichter hat...kann ja dann auch austreten.
  • Taufe Grün: Wir taufen unsere Kinder, weil es das Begrüßungsritual in unserer Religion ist, andere Religionen haben andere. Wir wollen, dass unser Kind von Anfang an Teil einer weltweiten Gemeinschaft wird. Aber wir verstehen die Taufe nicht exklusiv. Es ist ein schönes Ritual, aber wir würden auch die Segnung eines buddhistischen Mönches noch mitnehmen, wenn zufällig einer da wäre.
  • Taufe Gelb: Ich werde mir meiner persönlichen, individuellen Beziehung zum Tragenden Grund allen Lebens bewusst, mit dem ich ein einer mystischen Verbindung stehe - das sucht eine Ausdrucksform. (Erwachsenentaufe.)
  • Taufe Türkis: Ich werde mir meiner inneren Verbindung mit allen Menschen bewusst und auch der Tatsache, dass es der tragende Grund dieser Welt / Gott ist, der mich mit ihnen verbindet. Durch die Taufe suche ich Anschluss an dieses universale Miteinander. Ich bin mir dabei bewusst, dass es nur zufällig die Taufe ist - lebte ich in Indien, oder in Afrika, würde ich dafür vermutlich ein anderes Ritual wählen. (Erwachsenentaufe)."

Wollen Sie den Text kommentieren oder mit Christiane Müller diskutieren, oder haben Sie selbst einen interessanten Gedanken mitzuteilen, dann melden Sie sich einfach bei der Gruppe an. Hier kommen Sie hin.

 

 

Neu: Facebook-Gruppe "Gott 9.0"

6. Februar 2011

Sie wollen sich mit anderen Leserinnen und Lesern vernetzen? Auf Facebook gibt es jetzt die Gruppe "Gott 9.0". Sie ist gedacht als eine Plattform für Menschen, die sich für Gott 9.0 interessieren, die Gleichgesinnte suchen, vielleicht sogar in ihrer Gegend, oder die sich online austauschen wollen zu den verschiedenen Themen, die wir in unserem Buch ansprechen oder die durch das Buch angeregt werden. Sind Sie interessiert? Über diesen Link finden Sie die Gruppe:

http://www.facebook.com/home.php?sk=group_180176462019372

Noch ist die Mitgliederzahl überschauber, aber das kann sich schnell ändern. Die Seite beietet die Möglichkeit zum Austausch untereinander, Sie können Gleichgesinnte in ihrer Region suchen, Veranstaltungen anbieten oder suchen und vieles mehr. Alles hängt davon ab, wie stark sich unsere Leserinnen und Leser beteiligen. Wir sind sehr gespannt auf das, was sich mit der Gruppe ergeben wird!

 

Alle Quadranten auf allen Stufen

4. Januar 2011

„Das Konzept von Ich- und Wir-Stufen passt nicht zum integralen Denken“, schreiben uns manche Kritiker, „denn in jeder Stufe müssen alle vier Quadranten berücksichtigt werden – jedes Phänomen hat eine individuelle und eine kollektive Seite sowie eine Innen- und eine Außenperspektive.“ (Wer mehr über die Quadranten erfahren will: Im Buch auf den Seiten 208 bis 210 stellen wir diese bahnbrechende Theorie von Ken Wilber vor.)

Die Kritik läuft ins Leere. Natürlich kann und muss man sowohl bei den Ich- als auch bei den Wir-Stufen alle vier Quadranten anwenden. „Ich-Stufe“ heißt, kurz gesagt, dass der Einzelne sich mehr auf sich selbst hin orientiert, den Fokus auf sich selbst richtet, während das einzelne Individuum auf der Wir-Stufe sich mehr in Richtung Gemeinschaft orientiert.

Natürlich gibt es auch auf den Wir-Stufen, also bei der Ausrichtung auf die Gemeinschaft, die individuelle Perspektive (die beiden oberen Quadranten). Der Mensch erlebt sich in seiner Innenwelt (oben links) als Teil der Gemeinschaft, hat eine bestimmte Wahrnehmung der anderen, erlebt Gefühle und fällt Urteile – all die subjektiven Phänomene, die der obere linke Quadrant beschreibt. Ebenso kann die Person von außen (oben rechts) als ein Element einer Gruppe identifiziert werden mit all ihren individuellen Eigenschaften oder Verhaltensweisen.

Umgekehrt hat ein Mensch auf einer Ich-Stufe natürlich ebenso Beziehungen zu anderen, auch wenn diese schwerpunktmäßig nicht so wichtig für ihn sind und er die Gemeinschaft nicht so sehr braucht und sucht wie auf den Wir-Stufen. Er hat Anteil an kulturellen Überzeugungen und Werten, an Familientraditionen, erfährt sich als Partnerin oder Partner, Sohn, Tochter, Vater, Mutter, Bürgerin oder Bürger eines Gemeinwesens (unten links). Und kann mit den Mitteln der Soziologie oder Volkswirtschaft beschrieben werden als Element einer Gemeinschaft (unten rechts).

Die Unterscheidung zwischen Ich- und Wir-Stufen widerspricht also keineswegs dem Quadrantenmodell. Die Theorie von Spiral Dynamics hat ihren festen Platz im Denken Ken Wilbers (der beispielsweise in seinem Roman „Boomeritis“ eine sehr ausführliche Darstellung von Spiral Dynamics liefert) und fügt sich nahtlos ins integrale AQAL-Koordinatensystem (AQAL steht als Abkürzung für „Alle Quadranten, alle Levels (Stufen)“, meint aber das komplette integrale System, das neben Quadranten und Stufen auch Linien, Zustände und Typen einbezieht).

 

Zellen und Zirkel

12. 12. 2010

Immer wieder hören wir die Frage: Wo gibt es Gemeinden, in denen orange, grüne, gelbe Gottesbilder leben? Wo können Menschen eine geistliche Heimat finden, deren spirituelle Linie sich über Blau hinaus entwickelt? Da zeigt sich ein Dilemma der Ich-Stufen: Orange und Gelb haben wenig eigene Entwürfe für gemeinschaftliches Leben zu bieten. Das war auch das Problem der Reformatoren: Martin Luther hatte einen theologischen Entwurf vorgelegt, in dem sich viel Orange findet – die Betonung des Ich, der Vernunft, des Gewissens. Doch in welcher Form sollte dieser Impuls tatsächlich Gestalt finden? Orange muss, um eine Gemeinschaft zu leben, nach Blau oder Grün ausweichen, die beiden benachbarten Wir-Stufen. Grün war jedoch noch nicht entwickelt, so blieb dem Reformator nichts anderes übrig, als sich wieder in blaue Strukturen zu begeben, sprich: eine Kirche aufzubauen, die mit dem „Landesherrlichen Kirchenregiment“ eine streng blaue Hierarchie bildete. Sein Impuls des „allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“ blieb im Ansatz stecken.

Moderne orange Geister tun sich da leichter. Sie können nach „vorn“ ausweichen und ihre orangen spirituellen Impulse in grünen Formen leben, wie man es beispielsweise bei vielen modernen evangelikalen oder charismatischen Gruppierungen beobachten kann.

Menschen dagegen, deren spirituelle Linie bis Gelb gewachsen ist, stehen wieder vor dem Problem: Grüne Strukturen passen nicht mehr, Gelb als Ich-Stufe tut sich schwer, eigene Gemeinschaftsformen zu entwickeln, und von Türkis ist noch sehr wenig präsent. Momentan scheint mir eigentlich nur ein Weg gangbar zu sein: kleine Zellen von Leuten, die gelbe, integrale Spiritualität leben wollen, die sich als Lesezirkel, als Meditationsgruppen, als Schweige- oder Gesprächskreise organisieren. Sie veranstalten neben regelmäßigen Treffen auch Seminare, Workshops, Schweigewochenenden oder Oasentage und ermöglichen so die punktuelle Teilhabe, die den Ich-Stufen entspricht. Sie können Impulse in die grünen Gemeinschaften hineintragen, aus denen sie oft stammen und in denen sie ihre Wurzeln haben. Sie können mit Online-Aktionen, Vorträgen, gelegentlichen Gottesdiensten ihre gelben Ideen aufblitzen lassen und so anderen, die nur darauf warten, ihre spirituelle Linie weiterzuentwickeln, auf die Sprünge helfen. Wenn diese Zirkel und Zellen sich vernetzen, kann allmählich ein gelbes „neuronales“ Netzwerk entstehen, in dem sich gelb orientierte Menschen austauschen und einander auf dem noch kaum gebahnten Weg ins Neuland unterstützen können.

 

Wohin in GELB?

15.11.2010

In die Münchner Insel kommen manchmal Menschen, die auf der Suche sind nach einer geistlichen Heimat. Sie haben BLAU schon lange hinter sich, haben in ihrem Alltagsleben  ORANGE bestens integriert, konnten anschließend ihre GRÜNE Identität in der BLAU strukturierten Gemeinde noch durchtragen (das tun ja viele), aber nun? Nun kommen Zweifel. Nun verlangt ORANGE auch auf spirituellem Gebiet sein Recht. Aber wo sind sie mit ihren Fragen aufgehoben? Wo gibt es Gemeinden oder Gemeindegruppen, in denen nicht nur ORANGE Fragen gestellt und diskutiert werden dürfen, sondern die – auf dem Weg nach GELB – ein positives postmodernes Christentum zu leben versuchen? Die mit der Dominanz von BLAU in Glaubensfragen wirklich aufräumen? Die allen Stufen ihr jeweiliges Recht zugestehen – auch den kritischen?

Immerhin kann ich diesen Menschen helfen, ihren Weg zu verstehen. Wenn ich ihnen von den Stufen erzähle, haben sie ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Das ist schon sehr viel wert. Aber dann? Wir brauchen Gemeinden, in denen es möglich ist, die ORANGEN Fragen gründlich auszudiskutieren, die einen toleranten GRÜNEN Zusammenhalt bieten und die offen sind für das Abenteuer GELB. Wer solche Gemeinden kennt – bitte melden!